Justina Pociūnaitė-Ott, Jannis Kraiss, Janske HW van Eersel et al.
Theoretische Überlegungen und Erfahrungsberichte legen nahe, dass die Merkmale einer Anhaltenden Trauerstörung (Prolonged Grief Disorder, PGD) im Laufe des Tages unterschiedlich intensiv sind.
Es fehlen jedoch empirische Belege, die diese Annahme unterstützen. Unbekannt ist zudem, in welchem Kontext diese Schwankungen auftreten. Mithilfe der Experience Sampling Methodology (ESM) untersuchten wir, ob es einen Zu-sammenhang zwischen kontextbezogenen Faktoren des Alltags und PGD-Merkmalen (ESM-PGD) gibt. Über einen Zeitraum von 14 Tagen bewerteten trauernde Erwachsene (N = 53; 74 % Frauen) fünfmal täglich die Intensität von 11 ESM-PGD-Merkmalen, die DSM-5-TR-PGD-Symptome repräsentieren. Mithilfe von Regressionsanalysen mit gemischten Effekten untersuchten wir, ob Kontextfaktoren (d. h. physische und soziale Umgebungen sowie die Tageszeit) jeweils separat mit jeder ESM-PGD-Reaktion assoziiert waren. Das ‚Fern Sein von zu Hause‘ im Vergleich zum ‚Zuhause Sein‘ war mit stärkerer Vermeidung verbunden. Das Alleinsein im Vergleich zu einem angenehmen sozialen Kontakt war mit einer stärkeren Beschäftigung mit dem Verlust, verstärkten Gefühlen, dass ein Teil von sich selbst gestorben sei, und einer erhöhten Wahrnehmung des Verlusts als unwirklich verbunden. Schließlich stand eine spätere Tageszeit in Zusammenhang mit stärkeren Gefühlen der Einsamkeit und Schwierigkeiten weiterzumachen. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass ESM-PGD-Reaktionen kontextabhängig sein können. Dies erfordert in der Versorgung von Betroffenen einen kontextsensitiven Behandlungsansatz, wie beispielsweise ökologische Momentinterventionen.
Pociūnaitė-Ott, J., Kraiss, J., van Eersel, J. H. W., Franzen, M., Lenferink, L. I. M. (2025). An experience sampling study exploring associations between contextual factors and prolonged grief reactions in daily life. Scientific Reports, Nr. 15, Vol. 1, S. 39410. doi: 10.1038/s41598-025-23122-8.
Den Artikel finden Sie unter: https://www.nature.com/articles/s41598-025-23122-8.pdf oder wenden Sie sich an Hildegard Willmann (h.willmann@trauerforschung.de) und nennen Sie Autor*innen, Jahr und den englischsprachigen Titel der Veröffentlichung.

